Der große Brand in Külsheim 1865

Der 22. September 1865 war für Külsheim und besonders für mehrere Einwohner ein großer Unglückstag durch Brand.
Weil hier noch seit Menschengedenken kein großer Brand vorgekommen, und vorgekommene Feuer bald wieder gelöscht waren, so gaben sich viele dem Wahne hin, daß es zu einem großen Brande nicht kommen könne,- weil die Ortseinwohner bei Brandausbrüchen schnell zu Hilfe eilen und es wegen der vielen Brunnen an Wasser nicht fehlt.- Es kam aber doch anders.

Müde von der Arbeit und Gottes Segen sich anempfehlend, legten sich die Bewohner Külsheims am 21. September 1865 abends zur Ruhe. Schon hatte der Tag sich geendet und hatte der folgende Tag - 22. September angefangen. Noch aber beleuchtete freundlich der Mond die Häuser und Straßen des Städtchens, als die Wächter frühe 2 Uhr die Stunde verkündeten; kaum eine halbe Stunde nachher - also um ½ 3 Uhr frühe - zu allgemeinem Schrecken „Feuer! Feuer! Feuerjoh!“ riefen.
Noch ehe die Leute sich eiligst zur Hilfe versammeln konnten, schlugen die Flammen schon aus der Scheuer des Rosenwirts Carl Seitz, welche mit Früchten, Heu und Stroh angefüllt war, haushoch zum Dache hinaus. Schnell auch griff das Feuer um sich, weil alles sehr dürr war, indem es schon seit zwei Monaten nicht mehr geregnet hatte - und es stand bald auch die nahe angebaute Scheuer des Kaufmanns Philipp Lawo in vollem Brande.
Obgleich sich inzwischen die Leute zur Hilfeleistung versammelt hatten und Wasser herbeischafften und sofort die zwei Feuerspritzen von hier in vollem Gange waren, so lag es doch nicht mehr in ihrer Gewalt dem Feuer Einhalt zu tun, sondern es verbreitete sich äußerst schnell nach allen Richtungen hin, zumal die Gebäude, wie in Külsheim überhaupt, alle eng zusammengebaut waren. Nun waren es der Leute von hier zu wenig, dem Feuer Einhalt zu tu gebieten und ganz zu löschen. Obgleich zum größten Glück kein Wind ging, so war doch wegen großer Dürre zu befürchten, daß das halbe Städtchen in Asche gelegt werde. Von dieser Furcht erfaßt, eilten viele von der Brandstätte weg, ihren Häusern zu, um auszuräumen und zu retten was zu retten war. Mit Betten, Weißzeug, Möbeln, Früchten u.s.w. schwer beladen, eilten die Leute die Gassen hindurch entfernten Orten zu und selbst aufs freie Feld hinaus. Der Kirchhof, die Kirche, das Pfarrhaus, dessen Hof und Horte waren mit dergleichen ausgeräumten Gegenständen dicht belegt. Schauderhaft war das Weinen und Jammern der bedrängten Einwohner.
Das Feuer griff immer noch mehr um sich, ohne daß Hilfe von benachbarte Orten angekommen war. Es stürzte ein Gebäude nach dem anderen zusammen. Lange wehrte sich der erst zwei Jahre zuvor erbaute Tanzsaal des Rosenwirts Carl Seitz gegen das verheerende Element, mußte aber endlich doch unterliegen und stürzte unter furchtbarem Krachen in sich zusammen. Weil nicht sogleich nach Ausbruch des Feuers Boten in die benachbarten Orte um Hilfe zu requirieren, geschickt wurde, wie es sich gehört hätte, so kam auch erst spät Hilfe von Außen. Erst gegen 5 Uhr kamen Leute von Uissigheim, Steinbach und Hundheim und bald danach auch die wohlgeübte Feuerwehr von Hardheim. Gegen 6 Uhr kam dann auch die Feuerwehr von Tauberbischofsheim und Wertheim.

Mit Ankunft der Feuerwehr von Hardheim leuchtete bald ein Strahl der Hoffnung zur Rettung für viele. So schauerlich es auch aussah, als man den großen Feuerherd an etwa 20 Gebäuden überblickte, so erweckte es wieder neuen Mut und Kraft, gegen das Feuer zu kämpfen, als die Signalhörner der Hardheimer Feuerwehr erschallten und die Feuerwehrmannschaft sofort die Dächer erstiegen und die nachgezogenen Wasserschläuche in das im Innern brennende Feuer richteten. Viel rascher wurden jetzt die Spritzen gefüllt und viel rascher ging der Zug an den Spritzen.
Geschah es dann auch so von der Feuerwehr von Wertheim und Tauberbischofsheim von der anderen Seite des Feuers, so war bald wahrzunehmen, daß dem Feuer eine Grenze gesetzt ist und auf einen Herd von über 20 Gebäuden beschränkt blieb.
Gottes und der Menschen Hilfe sei es gedankt, daß es so geschehen ist!
Von der Scheuer des Rosenwirts Carl Seitz ausgekommen, verbreitete sich das Feuer von der einen Seite bis an die Stadtkapelle, welche schon in Gefahr stand, von der anderen Seite kam es bis zur Spitalgasse und fingen schon die Gebäude andererseits der Spitalgasse und Hauptstraße Feuer, woraus zu ersehen ist, daß die Gefahr groß war, obgleich kein Wind gegangen ist.
Während die Scheuer des Rosenwirts Seitz und des Kaufmanns Philipp Lawo, sowie auch andere angrenzende Gebäude bis auf den Grund niederbrannten, so blieb von dem Wirtschaftsgebäude 'Zur Rose' noch, jedoch auch sehr stark beschädigt, der untere Stock stehen und wurde zum Glück der Wein im Keller gerettet. Die Waren und Ladengerätschaften des Kaufmanns Philipp Lawo lagen zum Teil durch Ausräumen auf der Straße herum.

Menschenleben ging bei diesem großen Brande Gott sei Dank nicht verloren. Beschädigt jedoch wurde der Schneidermeister Johann Joseph Arnold von hier,- dessen Haus und Scheuer auch niederbrannte, dem ein Balken auf den Kopf fiel und der sofort betäubt vom Platze getragen werden mußte.- Verbrannt sind einige Schweine und mehreres Geflügel.
Der Schaden an Früchten, Futter und Stroh war groß, indem bereits schon alles eingelagert war.
Nun hat es sich erwiesen, daß es auch in Külsheim brennen kann, obgleich weise Gemeinderäte und Andere hier oft schon bei Gelegenheiten, wo über Frühsorge gegen Brand die Rede war, sich dahin äußerten: ,,In Külsheim kommt das Feuer nicht weit; die Leute schaffen recht und wir haben hier Wasser genug; es ist noch immer gleich gelöscht gewesen, wenn Feuer ausgebrochen ist“.

Obgleich zuzugestehen ist, daß die Brunnen hier einen schönen Vorrat an Wasser haben und auch viel Wasser liefern, so war doch bald der Vorrat erschöpft und konnten die Brunnen weiteren Bedarf nicht mehr liefern.
Verhältnismäßig erst spät kam Hilfe von den benachbarten Orten. Warum? Weil in Külsheim keine Feuerordnung besteht und die Gemeindebehörde, wie vom Wahne befangen, dachte: ,,Hier brennt's nicht!“- daher eilten auch erst spät Boten und selbst zu Fuß in die benachbarten Orte und selbst ein solcher Boten -ZU FUSS- nach Wertheim. Nur ein Reiter begab sich unaufgefordert nach Hardheim. Die Leute von Steinbach und Hundheim kamen ungerufen, da sie das Feuer von dort aus sahen. In Schweinberg haben die Leute von diesem Brand erst am Nachmittag, also „post festam“; und auch in Königheim erst am folgenden Tag durch Briefe von hier aus erfahren. Ein Bote hätte auch bei Nacht auf direktem Weg nicht nach Königheim kommen können, weil -horribile dictu- Külsheim und Königheim bis heute noch nicht durch eine Straße verbunden ist.
-Wodurch der Brand entstanden ist, wurde nicht ermittelt. -

Wird man glauben, daß in Folge des Brandes, mehr Vorsorge für die Zukunft getroffen worden ist, so irrt man sich. Noch ist es in dieser Hinsicht ‘status quo’,- und wird auch unter jetziger Gemeindeverwaltung verbleiben. -Es wurde zwar von Mehreren in der Gemeinde der Wunsch ausgesprochen, auch und Külsheim eine Feuerwehr zu errichten und wurde der Gemeinderat dazu angegangen.- Sie kam aber nicht zustande und erhielten jene, welche den Antrag dazu stellten, für ihren wohlmeinenden Rat den schönsten Undank.

Verzeichnis der Brandverunglückten


Durch diesen großen Brand haben Schaden erlitten oder ist ihnen ganz verbrannt. dem

1.     Julius Blatz - nächst der Kapelle - ganz verbrannt Haus, Scheuer und Stall.
2.     Lorenz Ochs - ebenso Haus, Scheuer und Stall
3.     Carl Seitz - Rosenwirt,- ganz abgebrannt die Scheuer, Tanzsaal, Haus bis auf den unteren Stock. Auch von dessen Schlachthaus und Schweineställen blieb nichts übrig.
4.     Philipp Lawo - Kaufmann, - Haus, Magazin, Scheuer und Stall ganz verbrannt.
5.     Jüdlein Brückheimer - kleines Häuschen an der Straße
6.     Georg Häfner - Chirurg, Ww, - Eckhaus der Hauptstraße und Spitalgasse, nebst halber Scheuer, zum Großteil verbrannt und ruiniert.
7.     Burkhard Köhler - Ww,- eine halbe Scheuer.
8.     Joh. Joseph Arnold - Schneider - verlor dabei sein ganzes Haus, Scheuer und Stall, welche Gebäude dem Spital gegenüberstanden.
9.     Franz Uhrig - Ww, - daselbst die Scheuer.
10.  Joh. Adam Helferich - ganze Scheuer und Beschädigung am Haus.
11.  Franz Jos. Adelmann - und Sohn - ganze Scheuer und Beschädigung am Haus.
12.  Balthasar Barth - und
13.  Michael Jos.Weilhart - je die Hälfte einer Scheuer.
14.  Michael Jos. Morstadt - und
15.  Joh. Joseph Geiger - eine gemeinschaftliche Scheuer.
16.  Franz Jos. Stecher -  und
17.  Cornelius Düll - gleichfalls je eine halbe Scheuer.

Welche Greuel der Verwüstung die ausgedehnte Brandstätte darstellte, bedarf wohl als selbstverständlich keiner weiteren Schilderung. Immer wieder erhoben sich Flammen aus dem Schutte. Längere Zeit mußte daher die Mannschaft auf der Hut sein mit bereitgehaltenen Feuerspritzen. Selbst nach acht Tagen fand man glühende Kohlen unter dem Schutte. Das Baumaterial vom Platze zu schaffen wurde daher die ganze Einwohnerschaft aufgeboten. An den Wegen und Straßen außerhalb des Ortes lagen sofort  eine Menge verkohlter Balken und Schutt.

Neuaufbau der Brandstätte

Durch den vorgekommenen Brand ergaben sich auf der Brandstätte in Wiederaufbau der Häuser und Ökonomiegebäuden nicht nur bemerkenswerte Veränderungen, sondern auch für die Stadt selbst in Bezug auf Erweiterung der Hauptstraße und seiner Plätze.
Die Hauptstraße war vor dem Brande an den Häusern des Georg Häfner, Jüdlein Brückheimer und Philipp Lawo sehr eng; es konnten kaum zwei Fuhrwerke aneinander vorüber. Längst war es daher allgemeiner Wunsch, daß diese Straße durch Ankauf und Abbruch der erstgenannten zwei Häuschen, welche ohnehin keinen schönen Anblick gewährten, erweitert werde. Hat bisher die Gemeindeverwaltung sich nicht dazu verstehen können, so verschaffte der vorgekommene Brand Gelegenheit, diesem Übelstande abzuhelfen.
Da auch das Haus des Georg Häfner Ww. - als Eckhaus von der Hauptstraße und der Spitalgasse- auch die Spitalgasse beengt war, so wurde zunächst die Anordnung getroffen, daß dieser Platz nicht mehr verbaut werden darf, wodurch ein freier Platz entstand und sich die Stadt nun etwas verschönert hat. Die Georg Häfners Ww. erhält für Abgabe ihres Bauplatzes 30 Fl. je Ruthe.
Jüdlein Brückheimer und Philipp Lawo mußten beim Neubau ihrer Häuser mehrere Schuh zurückbleiben und so geschah es, daß auch die Hauptstraße eine Erweiterung erhalten hat, die entsprechend ist und schon lange gewünscht wurde.


Julius Blatz erbaute sich 1866 ein neues Wohnhaus mit Scheuer außerhalb der Stadt zur rechten Hand der Straße nach Bronnbach, wo er sehr schön und gesund wohnt.
Lorenz Ochs erkaufte sich nach dem Brande ein anderes Wohnhaus mit Scheuer von Johann Joseph Keller im sogenannten Meßhof.
Weil Julius Blatz und Lorenz Ochs, wie vorgemeldet, nicht neu bauten an der Stelle, wo ihre früheren Häuser standen, so blieb deren Bauplatz an der Hauptstraße zwischen Rosenwirt C. Seitz und der Stadtkapelle vacant.
Der Gemeindeverwaltung von hier wurde von gewisser Seite der wohlmeinende Rat gegeben, diesen vorgenannten vacanten Hausplatz des Julius Blatz und Lorenz Ochs anzukaufen und zur Verschönerung der Stadt als freier Platz zu belassen, sofort nach schöner Planierung und Besetzung mit Bäumen den Kapellenbrunnen in die Mitte desselben versetzen zu lassen.-
Wie hier jeder gute Rat nicht bald freundliche Aufnahme findet, so geschah es auch da. Ob nicht doch später dieses Projekt noch zur Ausführung kommt, wird seiner Zeit in diesem Buche bemerkt werden.
Von den übrigen Brandverunglückten hat Rosenwirt C. Seitz noch im Spätjahr 1865 sein Haus, von dem der untere Stock stehenblieb, wohnlich eingerichtet, indem er ein Notdach darauf machen ließ und sofort die Wirtschaft darin betrieb. Im Frühjahr und Sommer 1866 baute derselbe dann eine neue Scheuer, sowie auch einen neuen Tanzsaal auf früherer Grundmauer und dem oberen Stock seines Hauses, indem er diesen zweiten Stock in gleicher Höhe mit seinem Tanzsaal bringen ließ, was vorher nicht war. Durch diesen Neubau und die Veränderungen hat dieses Haus sehr schöne Säle und Zimmer erhalten.
-Gott bewahre es vor weiterem Unglück mit seinem Besitzer.-
Auch Kaufmann Philipp Lawo erbaute sich im Jahre 1866 dahier wo seine früheren Gebäulichkeiten standen, ganz von Stein eine neue Scheuer mit Stall und ein schönes Haus mit zwei Stockwerken und zwei gewölbten Kellern.
Demselben wurde nun von allen Seiten geraten, den Bauplatz, welcher dem Jüdlein Brückheimer zu einem Häuschen zugemessen war, zu kaufen um mit seinem Hause zur Erweiterung seines beschränkten Hofplatzes weiter vorzurücken, hauptsächlich aber, um sich nicht das Licht durch Anbau verbauen zu lassen.
Ansicht vom Eingang des Alten Rathauses zur Spitalstrasse. Rechts das Haus des "Jüdlein" Brückheimer. Dahinter ist das Dach des Hauses von Philip Lawo zu erkennen. Links von Brückheimer das Haus und Scheune des "Jüdlein" Kastanienbaum und links davon mit der Einfahrt die Scheune des Burkhard Koehler. Das Hauses von Georg Häfner wurde nicht wiederaufgebaut, anstelle dessen ist nun die breite Auffahrt hinauf zur Spitalstrasse. Aufnahme von ca. 1980.

Wer sich aber nicht raten ließ, dem war später nicht zu helfen. Das heißt, wollte Lawo anfangs den fraglichen Bauplatz nicht ernstlich kaufen, so ließ sich Brückheimer später auf solchen Verkauf nicht mehr ein.-
Jüdlein Brückheimer erbaute sich noch im Spätjahr 1866 auf besagtem Platz ein nettes zweistöckiges Häuschen, verunstaltete dadurch das Haus des Kaufmanns Philip Lawo und benahm ihm das Licht von der ganzen vorderen Spitalseite. Das Haus des Jüdlein Brückheimer ist jetzt das Eckhaus von der Hauptstraße und der Spitalgasse mit schönem Vorplatze.
Noch in demselben Jahr 1866 bauten auf der Brandstätte wieder eine neue Scheuer: Burkhard Köhler Ww; Michael Morstadt; Johann Helferich; Franz Jos. Adelmann; Balthasar Barth. Sodann blieb nur noch wenig Platz zum Verbauen übrig.
Indem Schneider Joh. Joseph Arnold seinen Haus- und Scheuerplatz auf der Brandstätte per Ruthe zu 20 und resp. 30 Fl. verkaufte, so erbaute er sich ein stattliches zweistöckiges Haus mit Scheuer unter einem Dache außerhalb der Stadt am sogenannten ‘Haag’ oberhalb der Häfnershütten, wozu ihm die Gemeinde den Bauplatz zu 7 Fl. (Gulden) überlassen hat. Es geschah dieses gleichfalls im Jahre 1866.
Aus dem Memorabilienbuch von Pfarrer Zimmermann
Übertragen von Otto Spengler

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen